Recherche Sommerlüften

Permanent gekippte Kellerfenster im Sommer fühlen sich nach „durchlüften" an — physikalisch passiert aber häufig das Gegenteil: warme, feuchte Außenluft kühlt im kalten Keller ab und gibt ihren Wasserdampf an Wände und Boden ab. Diese Seite zeigt, wann Lüften wirklich trocknet und wann es schadet.

1. Worum geht's?

Wenn an einem Sommertag die Außentemperatur 26 °C beträgt und im Gewölbekeller 16 °C herrschen, fühlen sich die kühlen Räume angenehm trocken an — das täuscht aber. Die warme Außenluft enthält absolut viel mehr Wasserdampf, als die kalte Kellerluft tragen kann. Sobald sie reinströmt und abkühlt, fällt der überschüssige Dampf als Tauwasser an Wänden und Boden aus[1][2].

Das Ergebnis: Der Keller wird nicht trocken, sondern feuchter. Wer es im Sommer wirklich trocken halten will, muss den absoluten Wassergehalt der Außen- und Innenluft vergleichen — nicht die relative Luftfeuchte[3][1].

2. Was ist Luftfeuchte?

Es gibt zwei Größen mit ähnlich klingenden Namen, die oft verwechselt werden[3]:

  • Relative Luftfeuchte (rH, in %): zeigt an, zu wie viel Prozent die Luft schon mit Wasserdampf gesättigt ist. Hängt stark von der Temperatur ab[3].
  • Absolute Luftfeuchte (in g Wasser pro m³ Luft): wirkliche Wassermenge in der Luft, unabhängig von der Temperatur. Die einzige Größe, mit der man Innen- und Außenluft sinnvoll vergleichen kann[3][1].

Mit höherer Temperatur kann ein Kubikmeter Luft mehr Wasser tragen. Bei 0 °C sind es maximal etwa 4,8 g/m³, bei 20 °C schon 17,3 g/m³, bei 30 °C fast 30 g/m³[4].

3. Magnus-Formel & Sättigung

Der Sättigungsdampfdruck (= maximale Wasserdampfmenge) wird mit der Magnus-Näherung berechnet[5][4]:

e_s(T) = 6,1078 · 10^( (a · T) / (b + T) )    [hPa]

mit folgenden Konstanten je nach Temperaturbereich[5]:

Bereichab
über Wasser, T ≥ 0 °C7,5237,3
über Wasser, T < 0 °C7,6240,7
über Eis, T < 0 °C9,5265,5

Diese App rechnet mit a = 7,5 und b = 237,3 — der praktisch relevante Bereich beim Sommerlüften liegt klar über dem Gefrierpunkt. Der tatsächliche Dampfdruck ergibt sich aus der relativen Feuchte: e = (rH/100) · e_s(T)[5].

Die absolute Feuchte (g/m³) folgt aus der idealen Gasgleichung mit den thermodynamischen Konstanten[5]:

Molare Masse Wasserdampf MW18,016 kg/kmol
universelle Gaskonstante R*8314,3 J/(kmol·K)
Vorfaktor 10⁵ · MW / R*≈ 216,679
ρ_W = 216,679 · e / T_K       [g/m³,  e in hPa,  T_K in K]

Beispiel: 26 °C / 60 % rH ergibt e_s ≈ 33,6 hPa, e ≈ 20,2 hPa, ρ_W ≈ 14,7 g/m³ — das ist der Wert, den eine warme, mäßig feuchte Sommerluft transportiert[5].

Der Taupunkt ist die Temperatur, bei der diese Luft 100 % rH erreicht (also kondensiert)[6]. Bei 14,7 g/m³ liegt der Taupunkt bei rund 17,6 °C — alles, was kühler ist, lässt den Wasserdampf abscheiden.

4. Was beim Lüften wirklich passiert

Beim Öffnen der Kellerfenster strömt Außenluft mit ihrer absoluten Feuchte herein. Im Keller passiert nun zweierlei[1][2]:

  1. Die einströmende Luft kühlt sich auf Kellertemperatur ab. Der Wassergehalt selbst bleibt zunächst gleich — aber die maximale Tragfähigkeit sinkt.
  2. Liegt der absolute Wassergehalt der Außenluft über der Sättigungsgrenze bei Kellertemperatur, fällt der überschüssige Dampf als Kondensat an den kühlen Flächen aus — Wand, Boden, Vorräte[2].

Beispiel mit den Zahlen vom oberen Abschnitt (eigene Magnus-Rechnung):

  • Außen: 26 °C / 60 % rH → 14,7 g/m³, Taupunkt 17,6 °C
  • Keller: 16 °C / 65 % rH → 8,9 g/m³, kann maximal ~13,7 g/m³ tragen
  • Differenz: +5,8 g/m³, die als Kondenswasser anfallen
  • Bei 50 m³ Außenluft pro Stunde im Keller: ~290 mL Wasser pro Stunde

Über einen warmen Sommertag mit gekippten Fenstern landet so schnell ein Liter Wasser im Mauerwerk[1].

5. Faustregel & Empfehlung

Sommerlüften nur dann, wenn die absolute Feuchte außen kleiner ist als drinnen. Das ist meist nur in den frühen Morgenstunden (kurz vor Sonnenaufgang) der Fall, manchmal auch bei kühlen Wetterumschwüngen[1][7].

Die relative Feuchte ist als alleiniger Indikator irreführend: „nur 60 % rH draußen" klingt trockener als „65 % im Keller", ist aber bei dem Temperaturunterschied das genaue Gegenteil[3].

Wer es exakt wissen will, vergleicht beide Werte mit dem Rechner. Praktischer Trick im Alltag: ein günstiges Hygrometer-Paar (innen + außen) und kurz absolute Feuchten ablesen — der Wert „g/m³" ist auf den meisten Geräten ablesbar oder lässt sich mit der Magnus-Formel sofort umrechnen[7].

6. Quellen

  1. haustec.de — Lüftung Kellerräume: So verhindern Sie Feuchtigkeit und Schimmel (Fachpresse für Gebäudehülle/SHK; Mechanismus des sommerlichen Feuchteeintrags, Empfehlung Nacht-/Frühlüften).
  2. Glas Trösch — Bauphysikalische Grundlagen: Feuchte und Klima (Bauphysik-Grundlagen, Tauwasserbildung an kalten Flächen).
  3. Wikipedia — Luftfeuchtigkeit (Definition relative vs. absolute Feuchte, Temperaturabhängigkeit der Sättigung).
  4. Wikipedia — Sättigungsdampfdruck (Magnus-Formel, Tabellenwerte für maximalen Wassergehalt der Luft).
  5. wetterochs.de — Berechnung von Taupunkt und relativer Feuchte (Magnus-Konstanten a/b für T ≥ 0 °C, Formel für absolute Feuchte 216,679 · e / TK).
  6. Wikipedia — Taupunkt (Definition: Temperatur, bei der die aktuelle Wasserdampfmenge 100 % rH ergibt).
  7. Verband Wohneigentum NRW — Keller lüften im Sommer (Verbraucherinformation: Zeitpunkt entscheidet, Lüften nachts/morgens).